Die bekanntesten Rockgitarristen 80er Jahre – das Jahrzehnt, in dem die Gitarre zum Olympiasport wurde
Die 80er Jahre haben der Gitarre etwas angetan, das vorher nicht möglich war und danach nicht mehr wiederholt wurde. Sie haben sie zur Hauptattraktion gemacht. Nicht der Song. Nicht die Stimme. Nicht die Band. Der Gitarrist. Das Gitarrensolo. Die Technik.
Es war das Jahrzehnt, in dem Gitarristen wie Sportler gemessen wurden – in Noten pro Sekunde, in Tapping-Komplexität, in der Fähigkeit, Dinge zu spielen, die andere für physikalisch unmöglich hielten. Und gleichzeitig war es das Jahrzehnt, in dem einige der emotional überzeugendsten Gitarren-Momente der Rockgeschichte entstanden – weil die besten Spieler dieser Ära nicht nur schnell waren, sondern tatsächlich etwas zu sagen hatten.
Hier sind die Männer, die diese Ära definierten.
Eddie Van Halen – der Mann, der alles verändert hat
Die Geschichte der Rockgitarre teilt sich in zwei Hälften: vor Eddie Van Halen und nach Eddie Van Halen. Das ist keine Übertreibung. Das ist der Konsens jedes Gitarristen, Kritikers und Historikers, der sich mit dieser Ära beschäftigt hat.
Als Van Halen 1978 ihr Debütalbum veröffentlichten, spielte Eddie Van Halen im Intro-Track „Eruption“ – 1 Minute und 42 Sekunden Solo-Gitarre, allein, ohne Band – Dinge, die kein Gitarrist vorher auf Platte getan hatte. Two-Hand-Tapping, Hammer-Ons und Pull-Offs in einer Geschwindigkeit und Musikalität, die die Gitarrenwelt buchstäblich über Nacht veränderte. Innerhalb von Wochen übten Gitarristen weltweit dieselben Licks. Innerhalb von Jahren hatte fast jeder Rock-Gitarrist der Welt Eddies Einfluss in seinem Spiel.
1982 spielte er das Gitarrensolo auf Michael Jacksons „Beat It“ – als persönlichen Gefallen an Jackson, ohne Bezahlung, in einer einzigen Session. Das Solo ist das Bekannteste, das je auf einem Pop-Album erschienen ist. Es hat dazu beigetragen, dass „Thriller“ zum meistverkauften Album der Geschichte wurde. Und es hat gleichzeitig Van Halen an der Nummer-eins-Position in den Charts gehindert, weil Jacksons Album die Spitzenposition blockierte.
Sein Hauptinstrument: die selbstgebaute „Frankenstrat“ – ein Körper aus Ash, ein Hals von Charvel, ein modifizierter PAF-Humbucker. Keine Serienproduktion, keine Standardkonfiguration. Ein Instrument, das er selbst für sich erfunden hatte, weil kein verfügbares Serieninstrument das leistete, was er brauchte.
Randy Rhoads – das größte Was-wäre-wenn der Gitarrengeschichte
Randy Rhoads lebte 25 Jahre. In den letzten zwei davon hat er zwei Alben mit Ozzy Osbourne aufgenommen – „Blizzard of Ozz“ (1980) und „Diary of a Madman“ (1981) – und damit einen Standard für das Gitarrenspiel im Heavy Metal gesetzt, der bis heute gilt.
„Crazy Train“ beginnt mit einem Gitarren-Riff, das jeder kennt – auch Menschen, die Ozzy Osbourne nie bewusst gehört haben. „Mr. Crowley“ enthält ein Gitarrensolo, das Kritiker als „präzise, gotisch, kristallin“ beschrieben haben – ein Gitarrensolo, das klassische Harmonie mit der Aggressivität des Hard Rock so verbindet, wie es vorher niemand versucht hatte.
Was Rhoads von allen anderen seiner Generation unterschied: Er wollte kein Shredder sein. Er wollte klassischer Gitarrist werden. Er nahm während der Ozzy-Tourneen privaten Klassik-Gitarren-Unterricht in den Städten, die die Band besuchte. Er studierte Paganini und Bach. Er nutzte die klassischen Harmoniestrukturen in einem Rock-Kontext, der vorher undenkbar gewesen war.
Am 19. März 1982 starb er bei einem Flugzeugabsturz während der Tournee. Er war 25 Jahre alt. Was er in zwei Alben geschaffen hatte, hat er 2021 posthum in die Rock and Roll Hall of Fame gebracht.
Seine Gitarren: eine weiße Flying V von Karl Sandoval und – am bekanntesten – eine schwarze-weiße Polka-Dot-Flying-V, die zum visuellen Symbol seiner Karriere wurde.
Slash – die Les Paul, die alles zurückgebracht hat
Ende der 80er hatte der Gitarren-Sound des Jahrzehnts ein Problem: Er klang zunehmend nach Keyboards. Synthesizer dominierten den Pop. Hair Metal dominierte den Rock mit Sounds, die mehr nach Studios als nach Bühnen klangen. Und dann erschien 1987 „Appetite for Destruction“ – und Slash spielte Les Paul.
In einem Jahrzehnt, das von Floyd-Rose-Tremolos, Superstrats und Neon-Lack dominiert wurde, stand Slash auf der Bühne mit einem Top-Hat, einer Zigarette und einem Sunburst-artigen Instrument – und spielte Blues-inspirierte Pentatonik-Riffs, die direkter und ehrlicher klangen als alles, was der Mainstream-Rock dieser Ära produziert hatte. Das Gitarren-Solo in „November Rain“ gehört zu den bekanntesten der Geschichte. „Sweet Child O‘ Mine“ beginnt mit einem Riff, das Slash erfand, um seine Fingergeläufigkeit zu trainieren – und das heute jeder Gitarrenschüler der Welt in der ersten Woche lernt.
Sein Hauptinstrument auf „Appetite for Destruction“ war keine Gibson, sondern eine Kris-Derrig-Kopie einer ’59er Les Paul – ein handgefertigtes Replika, dessen Luthier noch 1987 starb und nie erfahren hat, welche Legende er geschaffen hatte. Dass das ikonischste Les-Paul-Bild der 80er auf einer Kopie entstand, ist eine der schönsten Ironien der Gitarrengeschichte.
Yngwie Malmsteen – Bach, Paganini und eine Stratocaster
Yngwie Malmsteen kam 1983 aus Schweden in die USA – und hatte dort bereits Aufnahmen gemacht, die niemanden kalt ließen. Er zitierte nicht Jimmy Page, nicht Eric Clapton, nicht Jimi Hendrix. Er zitierte Niccolò Paganini und Johann Sebastian Bach. Und er spielte diese Einflüsse auf einer Stratocaster, mit einer Geschwindigkeit und harmonischen Komplexität, die selbst den erfahrensten Gitarristen dieser Ära die Kinnlade herunterfallen ließ.
Malmsteen erfand das Genre, das heute „Neoclassical Metal“ heißt – eine Fusion aus klassischer europäischer Harmonielehre und Hard-Rock-Aggressivität, gespielt mit Sweep-Picking-Arpeggios und warp-speed Skalen, die den Gitarristen der 80er einen neuen Maßstab für Technik setzten. Sein Debütalbum „Rising Force“ von 1984 wurde von Guitar Player als eines der wichtigsten Gitarrenalben des Jahrzehnts ausgezeichnet.
Sein Hauptinstrument: eine modifizierte Fender Stratocaster mit Scalloped-Griffbrett – ein Fretboard, bei dem das Holz zwischen den Bünden ausgehöhlt ist, sodass die Finger die Bünde berühren, nicht das Griffbrett. Eine Technik, die er von Ritchie Blackmore übernahm und radikalisierte.
Steve Vai – der Gitarrist, den Frank Zappa für unmöglich hielt
Steve Vai begann seine Karriere damit, Frank Zappas Musik zu transkribieren – ein Job, den Zappa ausschrieb, weil er Noten brauchte für Partituren, die er selbst nicht mehr lesen konnte. Vai schickte ihm handgeschriebene Transkriptionen. Zappa hörte sie, nannte sie „außerordentlich“ – und stellte Vai als Live-Gitarristen ein.
Was folgte, war eine Karriere, die den Begriff „Gitarrist“ neu definierte. Vai spielte bei David Lee Roth nach dessen Trennung von Van Halen, dann bei Whitesnake. 1990 erschien „Passion and Warfare“ – ein Gitarrenalbum, das bis heute als eines der technisch anspruchsvollsten der Geschichte gilt und gleichzeitig so melodisch ist, dass man es auch ohne Gitarren-Hintergrund genießen kann.
Sein charakteristisches Instrument: die Ibanez JEM, die er gemeinsam mit Ibanez entwickelte – eine Superstrat mit Monkey Grip (einem Loch im Korpus, das ursprünglich als Griff gedacht war), Monkey-Inlays auf dem Griffbrett und einer Optik, die so personalisiert war, dass sie sofort als „Vai-Gitarre“ erkennbar ist.
Kirk Hammett – Thrash Metal und die Wah-Wah-Ikone
Als Metallica 1983 „Kill ‚Em All“ veröffentlichten, brachten sie eine neue Art von Gitarrenspiel in die Welt: schneller, aggressiver, technischer als alles, was Hard Rock bis dahin produziert hatte – und gleichzeitig mit einer melodischen Substanz in den Soli, die den Unterschied zwischen Thrash Metal und purem Lärm markierte.
Kirk Hammett war dafür verantwortlich. Sein Ton auf Metallica-Klassikern wie „Master of Puppets“, „One“ und „Enter Sandman“ definierte den Gitarren-Sound einer ganzen Metal-Generation. Und das Wah-Wah-Pedal – das Hammett auf fast jedem Solo seiner Karriere einsetzte – wurde so sehr zu seinem persönlichen Markenzeichen, dass Dunlop 2008 einen Kirk-Hammett-Signature-Wah produzierte.
Hauptinstrument: Gibson Flying V in den frühen Jahren, ab den späten 80ern zunehmend ESP Explorers und Explorer-Kopien, die enger auf seinen Metal-Ton abgestimmt waren.
Dave Murray und Adrian Smith – die Doppel-Gitarre von Iron Maiden
Iron Maiden haben in den 80ern eine Gitarren-Besonderheit etabliert, die bis heute im Heavy Metal Gültigkeit hat: zwei Lead-Gitarristen, die gleichzeitig und koordiniert spielen, mit harmonisierten Melodie-Linien, die so komplex und melodisch sind wie klassische Kanonformen. „The Trooper“, „Aces High“, „The Trooper“ – jedes Iron-Maiden-Stück dieser Ära ist auf zwei Gitarren-Stimmen aufgebaut, die sich ergänzen, konterieren und zu einem Gesamtklang fügen, der größer ist als die Summe seiner Teile.
Dave Murray spielte im Wesentlichen immer eine Fender Stratocaster – in einer Ära, in der fast alle seine Metal-Kollegen zu Superstrats und Humbucker-Gitarren gewechselt waren. Sein Ton auf einer Strat, durch einen Marshall, ohne viel Effekte, ist ein Beweis dafür, dass das richtige Spielgefühl wichtiger ist als die Technologie.
Die Gitarren der 80er – was die Besten spielten
Was die Gitarristen der 80er von allen anderen Dekaden unterschied, war der bewusste Umgang mit Instrumenten:
Eddie Van Halen baute sich seine „Frankenstrat“ selbst – Alder Body, Charvel Hals, modifizierter Pickup – weil kein verfügbares Serieninstrument das leistete, was er brauchte. Daraus entstand die EVH Wolfgang und eine ganze Industrie von Custom-Instrumenten.
Yngwie Malmsteen modifizierte Stratocaster-Griffbretter auf Scalloped-Bauform – eine Technik, die er für sein Spiel zwingend brauchte und die kein Serienmodell anbot.
Slash spielte mit einer Kris-Derrig-Kopie einer ’59er Les Paul, weil er sich ein Original nicht leisten konnte – und schuf damit den bekanntesten Les-Paul-Ton des Jahrzehnts.
Steve Vai entwickelte mit Ibanez eine völlig neue Gitarrenplattform – die JEM – die so vollständig auf sein Spiel abgestimmt war, dass sie bis heute produziert wird.
Was diese Ära am Ende hinterlässt: das Bewusstsein, dass das Instrument zum Spieler passen muss – nicht umgekehrt. Und dass die besten Gitarren dieser Dekade nicht die teuersten oder die bekanntesten waren, sondern die, die genau das lieferten, was der Spieler brauchte.
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