Fender Thomann Stratocaster Klage – Fender gegen Thomann – der Stratocaster-Formenstreit erreicht eine neue Stufe
Was als Abmahnwelle begann, ist jetzt ein offener Rechtsstreit. Am 22. Juni 2026 hat Thomann – der größte Musikalienhändler der Welt – Klage gegen Fender eingereicht. Damit verlässt der seit Monaten schwelende Konflikt um die Stratocaster-Korpusform die Ebene einseitiger Abmahnschreiben und wird zu einem Gerichtsverfahren, in dem beide Seiten ihre Argumente offiziell vorbringen müssen.
Wer die Entwicklung der letzten Monate verfolgt hat, weiß: Dieser Streit betrifft längst nicht mehr nur Fender und einen einzelnen chinesischen Anbieter. Er betrifft die gesamte Gitarrenbranche – Hersteller, Händler und letztlich auch jeden Spieler, der eine S-Style-Gitarre besitzt oder kaufen möchte.
Wie alles begann: das Düsseldorfer Versäumnisurteil
Der Ausgangspunkt liegt bereits einige Monate zurück. Am 9. März 2026 gab Fender per Pressemitteilung bekannt, einen Rechtsstreit gegen die chinesische Handelsfirma Yiwu Philharmonic Musical Instruments gewonnen zu haben, die Strat-ähnliche Gitarren über AliExpress vertrieben hatte. Das Landgericht Düsseldorf entschied in diesem Verfahren, dass die Korpusform der Stratocaster als urheberrechtlich geschütztes Werk der angewandten Kunst einzustufen sei.
Entscheidend dabei: Es handelte sich um ein Versäumnisurteil – die beklagte Firma hatte sich im Verfahren nicht verteidigt. Das Gericht traf seine Entscheidung also ohne eine inhaltliche Prüfung im Sinne eines kontradiktorischen Verfahrens, in dem beide Seiten ihre Argumente vortragen. Genau dieser Punkt ist heute der Kern der Kritik an Fenders Vorgehen.
Die Abmahnwelle: von Düsseldorf in die ganze Branche
Auf Basis dieses Urteils begann Fender im Mai 2026, über die Kanzlei Bird & Bird Abmahnungen an zahlreiche Hersteller, Vertriebe und Händler von S-Style-Gitarren in Europa und den USA zu verschicken. Betroffen waren unter anderem LSL Instruments, PRS Guitars und die Thomann-Eigenmarke Harley Benton. Die Forderungen reichten von der Einstellung der Produktion bis zur Herausgabe von Kundendaten und dem Rückruf bereits verkaufter Instrumente.
Fender begründete das Vorgehen damit, direkt mit den betroffenen Unternehmen an praktikablen Lösungen arbeiten zu wollen. In der Gitarren-Community löste die Aktion dennoch erheblichen Widerstand aus – mehrere bekannte YouTuber und Branchenstimmen kritisierten das Vorgehen öffentlich, einige beendeten ihre Zusammenarbeit mit Fender.
Thomanns Antwort: Klage statt Abwarten
Am 22. Juni 2026 reagierte Thomann mit einem Schritt, den bis dahin kein anderes betroffenes Unternehmen gegangen war: einer eigenen Klage gegen Fender. Damit ist Thomann die erste Firma, die den Konflikt aktiv vor Gericht trägt, statt nur auf eine Abmahnung zu reagieren oder sie zu erdulden.
CEO Hans Thomann begründete den Schritt mit der Verantwortung gegenüber der gesamten Branche: „Wir waren selbst einmal ein kleines Musikgeschäft und wissen genau, wo wir herkommen. Vielfalt, Fairness und ein respektvoller Umgang miteinander gehörten schon immer zu unserer Philosophie. Viele der Betroffenen haben nicht die finanziellen und rechtlichen Mittel, einen solchen Rechtsstreit zu führen. Wir sehen es daher als unsere Verantwortung, diese Angelegenheit gerichtlich klären zu lassen – nicht nur für unser eigenes Unternehmen, sondern für alle Beteiligten.“
Inhaltlich verfolgt Thomann eine Argumentation, die in der Branche schon länger diskutiert wird: Die charakteristischen Konturen der Stratocaster seien in erster Linie funktional begründet – etwa die Doppel-Cutaways für besseren Zugang zu den oberen Bünden und die ergonomische Balance des Korpus – und damit kein eigenständiges, rein künstlerisches Werk im urheberrechtlichen Sinne.
Das Argument der Geschichte: Wem „gehört“ die Stratocaster-Form?
Ein zentraler Satz aus Thomanns offiziellem Statement bringt die Position auf den Punkt: „Die Geschichte der Stratocaster wurde nicht von einem einzigen Unternehmen allein geschrieben. Sie wurde von Musikern, Gitarrenbauern, Entwicklern und Herstellern auf der ganzen Welt geprägt.“
Diese Sichtweise stützt sich auch auf die Entstehungsgeschichte der Strat selbst. Mehrere Branchenbeobachter verweisen darauf, dass die charakteristische Korpuskontur der Stratocaster eng mit dem Design des 1951er Fender Precision Bass verwandt ist – einem Instrument, dessen Grundform wiederum nicht aus dem Nichts entstand. Leo Fender entwickelte die Strat über Jahre und auf Basis von Musiker-Feedback weiter, bis sie 1954 in der heute bekannten Form auf den Markt kam.
Thomann verweist zudem auf einen der einflussreichsten Momente der Gitarrengeschichte: Eddie Van Halens „Frankenstrat“ und die daraus entstandene Superstrat-Bewegung – eine Welle der Weiterentwicklung, von der nach Ansicht des Unternehmens letztlich auch Fender selbst profitiert hat.
Ein Präzedenzfall aus den USA
Bemerkenswert ist, dass Fender bereits einmal versucht hat, die Korpusform von Stratocaster, Telecaster und Precision Bass markenrechtlich schützen zu lassen – und 2009 in den USA vor Gericht damit scheiterte. Im Mutterland der Stratocaster gilt ihre Form seitdem weitgehend als Public Domain.
Kritiker des aktuellen Vorgehens sehen darin einen Widerspruch: Eine Form, die in den USA als Allgemeingut gilt, solle nun über ein europäisches Versäumnisurteil branchenweit unter Schutz gestellt werden – mit Auswirkungen auch auf US-amerikanische Hersteller, die in Europa verkaufen.
Wirtschaftliche Interessen auf beiden Seiten
Es wäre zu einfach, diesen Streit nur als Verteidigung kultureller Vielfalt gegen kommerzielle Interessen zu lesen. Beide Seiten verfolgen handfeste wirtschaftliche Ziele. Fender will offenkundig verhindern, dass preisgünstige S-Style-Gitarren – oft aus asiatischer Fertigung – das eigene Stratocaster-Geschäft unter Druck setzen. Thomann wiederum verteidigt mit Harley Benton eine der margenstärksten Eigenmarken im eigenen Sortiment.
Diese wirtschaftliche Dimension schmälert nicht notwendigerweise die Berechtigung der jeweiligen Position – sie gehört aber zu einem vollständigen Bild der Auseinandersetzung.
Was auf dem Spiel steht
Sollte sich Fenders Position vor Gericht durchsetzen, wären die Folgen für die Branche erheblich: Praktisch jeder Hersteller von S-Style-Gitarren – von etablierten Boutique-Marken bis zu Einsteigerinstrumenten – müsste mit eigenen Abmahnungen rechnen oder seine Designs grundlegend verändern. Setzt sich Thomanns Position durch, bliebe die Stratocaster-Form das, was sie seit Jahrzehnten war: eine offene, von der gesamten Branche genutzte Designgrundlage.
Beide Szenarien hätten reale Konsequenzen für Spieler, Händler und Hersteller gleichermaßen – von der Verfügbarkeit erschwinglicher Einsteigerinstrumente bis zur kreativen Freiheit kleiner Boutique-Schmieden, die seit Jahren eigene Interpretationen der S-Style-Form bauen.
Wie es jetzt weitergeht
Mit Thomanns Klage verlässt der Konflikt die Ebene einseitiger Abmahnschreiben. Es wird nun ein ordentliches Gerichtsverfahren geben, in dem beide Seiten ihre Argumente vollständig vortragen können – etwas, das im ursprünglichen Düsseldorfer Versäumnisurteil nicht geschehen ist. Thomann selbst betont, dass es genau darum gehe: eine inhaltliche, kontradiktorische Klärung der Rechtslage, statt einer auf Fristversäumnissen basierenden Vorentscheidung als branchenweite Grundlage zu verwenden.
Thomann hat angekündigt, den eingeschlagenen rechtlichen Weg konsequent weiterzuverfolgen – nicht nur für das eigene Unternehmen, sondern, wie es im Statement heißt, für die vielen Hersteller, Händler und Gitarrenbauer, die die Branche seit Jahrzehnten mitgeprägt haben und weiterhin prägen. Gleichzeitig richtet Thomann einen direkten Appell an Fender, die Abmahnungen einzustellen und zu einer fairen, partnerschaftlichen Zusammenarbeit zurückzukehren.
Fazit: ein Verfahren mit branchenweiter Tragweite
Der Streit um die Stratocaster-Form ist mehr als eine juristische Fußnote. Er berührt grundlegende Fragen darüber, wie viel kreative und wirtschaftliche Freiheit eine Branche hat, die seit Jahrzehnten von gegenseitiger Inspiration lebt – und wo die Grenze zwischen legitimem Schutz geistigen Eigentums und der Monopolisierung einer längst zum kulturellen Allgemeingut gewordenen Form liegt.
Wie das Gericht am Ende entscheidet, ist offen. Sicher ist: Diese Auseinandersetzung wird die gesamte Gitarrenwelt – Hersteller, Händler und Spieler – noch eine Weile begleiten. Wir bei LKG Guitars verfolgen die Entwicklungen aufmerksam und halten euch über weitere wichtige Schritte in diesem Verfahren auf dem Laufenden.
LKG Guitars – Vielfalt, die wir zu schätzen wissen
Bei LKG Guitars führen wir eine breite Palette an Herstellern – von Fender Custom Shop bis zu unabhängigen Boutique-Marken wie Suhr, Nik Huber, PRS und vielen weiteren. Wir glauben an die Vielfalt der Gitarrenwelt, die durch Jahrzehnte gegenseitiger Inspiration entstanden ist.
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Text: LKG Guitars – Finest Guitars and Amps | Stand: Juni 2026 | Kontakt: Ludwig Klingelhöfer, 0152 / 33688591
