Burny Fernandes Tokai Geschichte – wie japanische „Kopien“ zu eigenständigen Legenden wurden
Es gibt einen Moment in der Gitarrengeschichte, der bis heute nachwirkt – auch wenn ihn die meisten Spieler nie bewusst erlebt haben. In den 1970er Jahren begannen japanische Hersteller, amerikanische Klassiker so präzise zu replizieren, dass die Originale selbst ins Schwitzen kamen. Fender und Gibson reagierten mit Anwälten. Die Branche reagierte mit einem Begriff, der bis heute Sammlerherzen höherschlagen lässt: Lawsuit Era.
Drei Namen stehen exemplarisch für diese Ära – und für das, was danach kam. Tokai. Fernandes. Burny. Dieser Beitrag erzählt ihre Geschichte. Ehrlich, mit allen Höhen und auch mit dem, was heute Geschichte ist.
Tokai – vom Harmonika-Hersteller zum Maßstab für Les-Paul-Qualität
Die Geschichte von Tokai beginnt nicht mit Gitarren. 1947 in Hamamatsu gegründet, baute Tokai Gakki zunächst Mundharmonikas und Klaviere – die Nachkriegszeit verlangte nach erschwinglichen Instrumenten, und Tokai lieferte sie. Erst in den späten 60er Jahren, getrieben vom weltweiten Folk-Boom, wandte sich das Unternehmen Akustikgitarren zu. Den Einstieg in die E-Gitarrenwelt fand Tokai in den frühen 70ern – zu einer Zeit, in der der Markt vollständig von amerikanischen Marken dominiert wurde.
Statt eigene Designs zu entwickeln, verfolgte Tokai eine andere Strategie: so präzise wie möglich replizieren. 1977 bekam das Unternehmen Zugang zu echten Vintage-Instrumenten – mit detaillierten Fotos und Messungen als Grundlage. 1978 erschienen die ersten „Les Paul Reborn“-Modelle. Die Holzqualität war so sorgfältig recherchiert, dass Branchenkenner bis heute behaupten: Diese frühen Tokai-Les-Pauls übertrafen die Verarbeitungsqualität zeitgenössischer Original-Gibsons aus den frühen 80ern – einer Phase, in der Gibson selbst mit Qualitätsproblemen kämpfte.
Der Name „Les Paul Reborn“ hielt nicht lange. Unter dem zunehmenden rechtlichen Druck amerikanischer Hersteller änderte Tokai den Modellnamen 1980 zunächst kurz in „Reborn Old“, dann endgültig in den Namen, der bis heute Bestand hat: „Love Rock“. Genau die Instrumente, die diese Ära so legendär machten, sind heute auf dem Sammlermarkt rar und entsprechend hochpreisig.
Tokai überlebte die Lawsuit Era, indem es sein Branding verfeinerte und mehr eigene Designs einführte, ohne den Vintage-inspirierten Markenkern zu verlieren. Bis heute gilt das Unternehmen – inzwischen weiterhin familiengeführt – als einer der seriösesten Hersteller von Les-Paul- und Stratocaster-Interpretationen weltweit.
Fernandes – vom Flamenco-Großhändler zum größten Gitarrenhersteller Japans
Auch Fernandes‘ Wurzeln liegen fernab der E-Gitarre. 1969 in Tokio gegründet (zunächst als Saito Musical Instruments, ab 1972 offiziell als Fernandes registriert), begann das Unternehmen mit Flamenco-Gitarren. Erst ab Ende 1973 stieg Fernandes in die Produktion elektrischer Instrumente ein.
Was folgte, war ein kometenhafter Aufstieg. Fernandes engagierte Hidesato Shiino – eine Schlüsselfigur, die zuvor bei Kanda Shokai (bekannt für Greco) und Yamaha gearbeitet hatte – um die Gitarrenlinien des Unternehmens zu entwickeln. Unter Fender-orientierten Modellreihen wie FST (Stratocaster-Interpretationen) und FTE (Telecaster-Interpretationen) baute Fernandes Replikas, die laut manchen Branchenkennern sogar die Qualität von Greco übertrafen.
Da Fernandes selbst keine eigene Fabrik besaß, arbeitete das Unternehmen mit wechselnden OEM-Partnern – darunter Kawai, Matsumoku, und in den späten 80ern zunehmend Fujigen und Dyna Gakki. Diese Auslagerung der Fertigung war kein Makel, sondern Strategie: Fernandes konnte sich auf Design, Markenaufbau und Innovation konzentrieren.
Und Innovation war Fernandes‘ eigentliches Erbe. Das Unternehmen entwickelte das Sustainer-System – eine elektromagnetische Technologie, die Saiten in endloses Sustain versetzt, ohne mechanische Berührung. Das System wurde so einflussreich, dass es bis heute in Custom-Shop-Instrumenten verschiedenster Hersteller verbaut wird. Dazu kam die ZO-3, eine kompakte Mini-Gitarre, die zum Kult-Objekt wurde. Künstler wie Kirk Hammett (Metallica), Billie Joe Armstrong (Green Day) und hide von X Japan machten Fernandes zu einem festen Bestandteil sowohl der westlichen Rock-Szene als auch der japanischen Visual-Kei-Bewegung.
1992 eröffnete Fernandes eine US-Niederlassung in Los Angeles, 1996 folgte ein eigener Custom Shop. Beide schlossen 2014 wieder – ein erstes Zeichen des langsamen Rückzugs aus dem amerikanischen Markt. 2024/2025 musste Fernandes schließlich Insolvenz anmelden – nach Jahren sinkender Verkaufszahlen und wachsendem Konkurrenzdruck. Eine Ära ging zu Ende. Die Instrumente selbst bleiben unter Sammlern und Spielern weiterhin hoch geschätzt.
Burny – die Gibson-Antwort von Fernandes, benannt nach einem Tippfehler
Burny ist keine eigenständige Firma, sondern Fernandes‘ zweite Markenidentität – eingeführt in den 1970ern, speziell für Gibson-Style-Replikas wie Les Paul, SG und Firebird, während die Fernandes-Marke selbst für Fender-Interpretationen reserviert blieb.
Eine der charmantesten Anekdoten der japanischen Gitarrengeschichte betrifft genau diesen Markennamen: „Burny“ entstand aus einem Fehler. Die genaue Geschichte variiert in den Quellen, aber der Kern ist unbestritten – ein Name, der eigentlich anders gemeint war, setzte sich durch und wurde zu einem der angesehensten Namen unter MIJ-Sammlern.
Die ersten Burny Les Paul Modelle erschienen 1975. Was Burny von der Konkurrenz abhob, war die Hals-Konstruktion: Während viele andere Marken auf geschraubte Hälse setzten, perfektionierte Burny den eingeleimten Hals (Set-Neck) – eine aufwendigere, aber klanglich überlegene Bauweise, die näher an Gibsons Original-Konstruktion lag.
In den frühen 90ern gründete Fernandes sogar einen eigenen Burny Custom Shop in Japan – limitierte, hochspezifizierte Instrumente mit traditioneller Konstruktion und vintage-korrekter Hardware. Die Fertigung lag dabei über die Jahre in verschiedenen Händen: Anfangs Matsumoku und Tokai selbst, später Dyna und Fujigen. Eine Marke, die viele verschiedene Fabriken durchlief – aber immer denselben hohen Qualitätsanspruch behielt.
Drei Wege, ein gemeinsames Erbe
Was Tokai, Fernandes und Burny verbindet, ist mehr als nur die geografische Herkunft. Alle drei haben bewiesen, dass „Kopie“ und „Qualität“ sich nicht ausschließen müssen – dass ein Replikat, mit genug Sorgfalt und Hingabe gebaut, das Original nicht nur erreichen, sondern manchmal übertreffen kann.
Tokai existiert bis heute, familiengeführt, mit demselben Anspruch wie vor 50 Jahren. Fernandes ist Geschichte – aber seine Innovationen, vom Sustainer bis zur Burny-Bauqualität, leben in den Instrumenten weiter, die heute auf dem Gebrauchtmarkt zirkulieren. Und Burny selbst bleibt einer der gesuchtesten Namen, wenn Sammler über echte „Lawsuit Era“-Qualität sprechen.
Wer heute eine gut erhaltene Burny, eine alte Fernandes oder eine Tokai Love Rock in die Hand nimmt, hält nicht einfach eine „japanische Kopie“. Er hält ein Stück einer Epoche, in der eine ganze Industrie bewiesen hat, dass Respekt vor einem großen Original der beste Antrieb für eigene Großartigkeit sein kann.
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Fazit: Lawsuit Era war kein Skandal – sie war eine Lehrstunde in Handwerkskunst
Die „Lawsuit Era“ wird oft als Kapitel von Rechtsstreitigkeiten erzählt. Die eigentliche Geschichte ist eine andere: Sie ist die Geschichte japanischer Hersteller, die sich nicht mit „gut genug“ zufriedengaben, sondern mit obsessiver Detailgenauigkeit versuchten, das Beste zu verstehen – und dann zu übertreffen.
Tokai, Fernandes und Burny haben diese Lektion auf unterschiedliche Weise gelebt. Ihre Instrumente erzählen diese Geschichte bis heute – in jedem Set-Neck, in jeder sorgfältig ausgewählten Decke, in jedem Detail, das eben doch kein bloßes Kopieren war.
Text: LKG Guitars – Finest Guitars and Amps | Kontakt: Ludwig Klingelhöfer, 0152 / 33688591
